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Land Rover Magazin #40

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In dieser Ausgabe testen zwei inspirierende junge Abenteurer den neuen Defender bei ihrer Vorbereitung auf die Expedition zum Südpol. Außerdem feiern wir 50 Jahre Range Rover mit einer Entdeckungsreise nach Dubai. Wir blicken sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft. Dabei erläutert uns eine Gruppe von Visionären die Technologien, die die Zukunft für uns alle verändern könnten.

Krys Lee ist

Krys Lee ist preisgekrönte Autorin und Verfasserin der Kurzgeschichtensammlung Drifting House sowie des Romans How I Became a North Korean, beide veröffentlicht von Viking/Penguin Random House. Sie ist Assistant Professor für kreatives Schreiben an der Yonsei Universität in Südkorea D ie perfekte Tochter mit dem perfekten Leben. Jedenfalls nach außen hin. Doch Yoonie wollte jemand anderes werden. Und auf gewisse Weise war sie es bereits; denn vor einigen Tagen war sie 21 geworden. Das war ihr größtes Geschenk an sich selbst: der Weg nach draußen. Während Rucksäcke auf den Gepäckbändern kreisten und eine Schar von Reiseleitern mit ihren Schildern wedelte, rauschte das Blut in Yoonies Ohren. Das Spanisch, das sie mit Apps gelernt hatte, fühlte sich wie eine unsichtbare Wand an, hinter der sie gefangen war. Sie blickte zurück auf das geparkte Flugzeug – genau wie sie plötzlich im Stillstand nach all der Bewegung. Sie zögerte und fragte sich, was sie sich nur dabei gedacht hatte, Boston so plötzlich zu verlassen. Dann dachte sie an ihre Eltern. Sie nahm einen tiefen Zug der schmerzhaft dünnen Andenluft, als müsse sie erst wieder lernen, zu atmen, und verließ langsam den Flughafen von Cusco. Nach einer mehr als holprigen Fahrt mit dem Taxi wurde Yoonie von der Inhaberin ihrer Pension an der Schulter zu ihrem Zimmer geführt, ganz so, als ob sie Hilfe bräuchte. Yoonie war an so etwas gewöhnt. Ihre großen, leicht erschrocken wirkenden Augen und ihr herzförmiges Gesicht Exklusive Kurzgeschichte Atmen gaben den Menschen oft den Eindruck, dass sie gerne geführt werden würde. „Geh es an den ersten Tagen langsam an“, riet ihr die Dueña. „Und iss keine schweren Lebensmittel. Nimm lieber eine Sopa de Pollo.“ „Gracias, gracias“, antwortete Yoonie reflexartig, obwohl sie eigentlich genug von Gehorsam hatte. Aber die Dueña war noch nicht fertig: „Denk immer daran, tief einzuatmen.“ Es war von Beginn an klar gewesen, dass Yoonie einen Teil des Familienunternehmens erben würde – eines der größten Konglomerate Südkoreas – und dass sie nicht einen Tag in ihrem Leben arbeiten müsste, wenn sie es nicht wollte. Aber das wäre für sie nie in Frage gekommen. „Wir haben dir alles gegeben!“ Diese immer wiederkehrenden Worte ihres Vaters waren sowohl eine Erinnerung als auch eine subtile Warnung. Alles. Dazu gehörte die farblich perfekt abgestimmte Kleidung in ihrem Schrank, das elegante schwarze Auto, in dem sie zur Schule chauffiert wurde, und natürlich die persönliche Assistentin, die von Yoonies Kindheit an ihre schulischen und privaten Termine organisiert hatte. Alles, solange sie genau das tat, was von ihr erwartet wurde. Sie lernte schnell die Bedeutung von „Alles“. Dazu zählte der Mantel des Schweigens über die geheimen Affären ihres Vaters ebenso wie die einstudierten Posen bei den öffentlichen Auftritten der Familie – aber nicht der verlorene Sommer hinter dem Verband, als ihre „neue“ Nase heilte, oder der Junge mit der sanften Stimme, den sie mochte und der, nachdem sie ihrer Mutter von ihm erzählt hatte, innerhalb einer Woche die Schule wechselte. „Alles“. Das war auch die beiläufige E-Mail vor sechs Monaten, in der sie erfuhr, dass sie einen Verlobten hatte. Der Nachfahre eines Halbleiter-Magnaten würde sie nach ihrem Harvard-Abschluss in Seoul erwarten. Aber das Training, die perfekte Tochter zu spielen, hatte auch seine Vorteile. Solange sie die Maske aufbehielt, bemühte sich niemand, dahinterzuschauen. Niemand wusste von den zahllosen Stunden, all den Jahren, die sie investiert hatte, um ihren Weg nach draußen zu planen. Letzte Woche konnte sie endlich auf den Fonds zugreifen, den ihr Großvater heimlich für sie eingerichtet hatte, als sie noch klein war. Es war Zeit, zu verschwinden. „Das FBI ist seit Jahren hinter mir her“, raunte ihr ein wild dreinblickender Amerikaner mit Dreadlocks zu, der in dem rüttelnden Bus neben ihr saß. „Ich habe nämlich das Heilmittel gegen das Älterwerden entdeckt. Aber die Pharma-Mafia ist da nicht gerade scharf drauf. Oh nein, ganz und gar nicht.“ Sie hatte es während der ersten halben Stunde geschafft, das Gespräch mit ihm höflich zu vermeiden, aber seine leicht paranoiden Züge ließen sie aufhorchen. „Kenne ich“, antwortete sie, ohne zu lügen. „Ich suche neue Räume immer zuerst nach Wanzen und versteckten Kameras ab.“ Es war das erste Mal, dass sie das jemandem gegenüber zugegeben hatte. „Genau! Du kannst heute niemandem vertrauen“, brach es aus ihm heraus, bevor er seinen Blick wieder auf sie richtete, als ob er sie erst jetzt wirklich wahrnehmen würde. Er wich zurück, dann stand er schnell auf, wobei er es irgendwie schaffte, nicht auf die Segeltuchtasche mit den zwei Hühnern zu treten, und ging in den hinteren Teil des Busses, während er vor sich hin murmelte. Sogar auf 3.000 m über dem Meeresspiegel kreisten die Adler am Himmel und die Bauern bauten hoch über den Wolken ihre Kartoffeln an. Während sie in das Heilige Tal hinabfuhren, war die Straße zu beiden Seiten von steilen Felsen umschlossen, und jede Kurve der Straße gab den Blick auf terrassierte Maisfelder, eine einsam gelegene Kirche und einen weiteren schroffen Gipfel frei. Yoonie hatte das Gefühl, wenn sie sich nun einfach dazu entschloss, immer höher zu klettern, dann würde sie schließlich hoch im blauen Nichts dem Chaos entschweben können. Sie ging in die Hocke, um Atem zu holen, und lehnte sich auf ihren Wanderstock, wenn sie wieder der Schwindel überkam. Die Wanderung zu den heißen Quellen in Lares war schwer. Es gab hier etwa ein Viertel weniger Sauerstoff in der Luft, als ihr Körper es gewöhnt war, aber das Wandern half ihr auch, ihre Einsamkeit abzuschütteln. Sie versuchte, möglichst ruhig und tief zu atmen. Sie war zu weit gekommen, um jetzt aufzugeben. Sie hatte sich entschieden, und welchen Weg sie nun gehen musste, war für sie kristallklar. Sie würde den Pfad ihrer vorgeschriebenen Zukunft verlassen und in eine ruhige, anonyme Existenz eintauchen. Die schmale Straße führte tief in die Berge und zurück in die Vergangenheit. Häuser aus wiederverwendetem Inka- Stein lagen verstreut in der Landschaft, die gefurchten Gesichter ihrer Bewohner durch Wind und Wetter ebenso geformt wie die Wüstenlandschaft und Gletschergipfel. Jeder Schritt war eine Eroberung, jeder anstrengende Atemzug schärfte das Bewusstsein. Die Anden lehrten sie, langsamer zu werden. Am Rande ihrer Gedanken spürte Yoonie eine Präsenz. Sie schaute sich um und umfasste den Griff ihres Stocks noch fester. Allein vor Sonnenaufgang unterwegs zu sein, war nicht ganz ungefährlich und bisher war sie ihr ganzes Leben lang auf Nummer sicher gegangen. Jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, spürte sie nur den neckenden Wind und die Kraft des Berges, der sich unter ihren Füßen bewegte. Die Temperatur fiel nach jeder Kehre des Weges weiter. Sie tauschte ihren Atem gegen das Gefühl großer Freiheit ein, so wie die Anden jenseits der Baumlinie die Bäume ablegten. Dann raschelte es im Gebüsch. Aufblitzendes goldenes Fell. Der warme, schwere Körper eines Hundes. Sie stolpert. Und findet sich im Staub der Straße wieder. Blauer Himmel. Tanzender Staub. Summen. 68 69

 

LAND ROVER MAGAZIN

 

Das Land Rover Magazin präsentiert Geschichten aus aller Welt, die für innere Stärke stehen und das Motto „Above and Beyond“ repräsentieren.

In dieser Ausgabe testen zwei inspirierende junge Abenteurer den neuen Defender bei ihrer Vorbereitung auf die Expedition zum Südpol. Außerdem feiern wir 50 Jahre Range Rover mit einer Entdeckungsreise nach Dubai. Wir blicken sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft. Dabei erläutert uns eine Gruppe von Visionären die Technologien, die die Zukunft für uns alle verändern könnten.



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